Wurzeln und Flügel - die Kunst der Erdung und Balance
von Martin Pepper
Mittwoch, 26. September 2007
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Gedanken zur Gestaltung von Lobpreis und Anbetung in der Gemeinde von Martin Pepper
„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“ J. Wolfgang von Goethe
„Die Erretteten werden von neuem nach unten Wurzeln schlagen und oben Frucht tragen.“ (Jes. 37,31)
Wurzeln verbinden uns mit der Erde, Flügel mit dem Himmel.
Wurzeln und Flügel stehen für scheinbare Widersprüche, die sich aber ergänzen.
Die Kunst des Lebens besteht in der Balance aller zum Leben gehörenden Faktoren:
Verstand und Gefühl, Kopf und Herz, Leib und Seele, Trauer und Freude, Realismus und Zuversicht, Allgemeines und das Besondere, Struktur und Flexibilität, Ordnung und Freiheit. Salomo gibt uns einen Schlüssel: es gibt für alles eine (seine besondere) Zeit (Pred.3).
Man muss also die richtige Zeit für etwas erkennen und sich dann von ganzem Herzen drauf einlassen. Manchmal haben wir aber nicht den Luxus, uns für jede Regung, jedes Angebot, jede Herausforderung eine eigene Zeit zu reservieren und zu sagen, das ist jetzt dran. Vieles im Leben müssen wir gleichzeitig balancieren. Bewegung und Fortschritt gelingen sogar oft nur dann, wenn wir die Gleichzeitigkeit als Herausforderung annehmen und uns darauf einlassen (Fahrradfahren (treten, lenken und balancieren), Schwimmen (koordiniert stoßen, zappeln, atmen und Luft anhalten) Fußball (laufen, dribbeln, zielen etc ...)
Im Lobpreis begegnet uns diese Herausforderung, denn wir streben eine dreifache Balance an:
1. eine Harmonie zwischen uns und Gott (nach oben ausgerichtet – geistlich wahrhaftig),
2. zwischen uns und den Menschen in der Gemeinde, die sich je nach Gastfreundlichkeit und missionarischem Eifer einer Gemeinde noch in Glaubende und Gäste unterteilen (seitlich ausgerichtet – sensibel und gewinnend) und
3. eine Harmonie zwischen der Aufgabe und unseren eigenen künstlerischen Entfaltungswünschen (nach innen ausgerichtet – persönlich echt, zu mir passend).
Wir bemühen uns darum gleichzeitig drei Zuhörern gerecht zu werden – Gott, den Menschen und uns selbst. Darum wollen wir uns bewusst die Frage stellen: was ist für wen schön, wichtig und wertvoll. Wir wollen Gott gefallen und zu ihm singen und spielen, gleichzeitig Menschen ansprechen, ihnen dienen (damit wollen wir ihnen auch gefallen, einen Gefallen tun). Und wir wollen dabei immer auch unser eigenes Talent entwickeln, unsere Grenzen ausloten und erweitern, eine Musik und ein Gefühl ausdrücken, das zu uns passt, die uns Spaß macht. Je mehr Musiker und Teams es in Gemeinden gibt, desto besser ist der Rahmen für eine gesunde Balance. Wer immer nur Bedürfnisse anderer stillt, sich unterordnet, dient und gibt, ohne selbst Wachstumserfahrungen, Erfolgserlebnisse und positives Feedback auf seinen Einsatz bekommt, verkümmert innerlich, kämpft bald mit Bitterkeit und ist irgendwann ausgebrannt.
Die gesunde Balance dieser drei Felder macht Musik geistlich, erfolgreich und echt.
Wir müssen das göttliche und das menschliche zusammenbringen und nicht gegeneinander ausspielen. Es gibt Zeiten der Entscheidung, wo wir uns grundsätzlich von falschen Prioritäten lösen und eine neue Richtung wählen müssen (Elia: Wählt nun, wem ihr dienen wollt, Jesus: ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen, Paulus: wenn ich noch Menschen zu gefallen suchte, wäre ich nicht Christi Knecht ...). Es ist aber lebensfremd, wenn wir ständig in einem „entweder oder“ verharren und alles gegeneinander ausspielen, denn vieles muss gleichzeitig gesehen und gesund geordnet werden, damit Harmonie entstehen kann. Wir setzen uns selbst und die Gemeinde unter Druck, wenn wir z.B.
- zu viel von uns oder der Gemeinde im Lobpreis erwarten z.B. die perfekte Zusammenstellung, die genau richtigen
Lieder, eigene stille Zeit, geistliche Vorerfahrungen etc...
- jede Äußerung von Distanz, Müdigkeit oder Passivität der Leute als fleischliche, selbstsüchtige Gleichgültigkeit
dem Herrn gegenüber, mangelnde erste Liebe deuten ...
- in der Zusammenarbeit mit anderen Musikern alles nur unter dem Aspekt der Unterordnung sehen und nicht
versuchen, legitime Bedürfnisse aller Seiten irgendwie zusammenzubringen
Dadurch bauen wir Distanz, Konfrontation und ein Klima voller Schuldgefühle auf. Lobpreis wird dann mehr und mehr zu einer Kraftprobe mit Gewinnern und Verlierern.
Lasst uns nicht eine Zerreißprobe aus etwas machen, das als Balanceakt gedacht ist!
Wir dürfen sie nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen sie in einen gesunden Einklang miteinander bringen.
Alle haben ihre eigene Wichtigkeit (wie im Liebesgebot):
1. Du sollst Gott den Herrn von ganzem Herzen lieben
2. Du sollst Deinen Nächsten lieben
3. wie Du Dich selbst lieben darfst und sollst, denn Gott hat keine Freude an Selbsthass, Selbstverachtung oder Gleichgültigkeit gegenüber unseren Bedürfnissen
Wir wollen den Himmel berühren und einen „Sitz im Leben“ haben.. Wir wollen Fliegen und doch die Wurzeln nicht kappen. Das hört sich widersprüchlich an, ist aber, wie vieles im Glauben und in der Bibel ein Spannungsfeld ist, das wir aushalten und gestalten müssen. (z.B. wir sind in der Welt aber nicht von der Welt (Joh.17), alles ist unser, auch die Welt, aber wir sind Christi (1. Kor. 3,21-23), geht aus von ihnen und sondert Euch ab ... einerseits und geht hin in alle Welt, Menschen gewinnen, Jesus Freund der Sünder, den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, auf das ich auf jede erdenkliche Weise Menschen gewinne ....
Definition von Balance aus Wikipedia
- im mechanischen Sinn: „im Kräftegleichgewicht, im Lot sein“, Waage ausgewogen
- im dynamischen Sinn: etwas Balancieren (Eierlauf), beim Radfahren usw.
- im persönlichen Bereich: eine möglichst hohe Zufriedenheit im Kraftfeld widerstreitender Wünsche und
Grundbedürfnisse (körperlich, seelisch und sozial)
- in zwischenmenschlichen Beziehungen: Ausgleich der Interessen, des gegenseitigen Gebens und Nehmens (in der
Politik: Ausgleich zwischen wirtschaftlichen Interessen und umwelt- und sozialpolitischen Zielen)
- im künstlerischen Bereich: Ausgewogenheit der Komposition, Stilmittel
In Lobpreis und Anbetung streben wir also eine dreifache Balance an: Gott, Menschen und uns selbst zu gefallen (einen Gefallen zu tun, einen Dienst erweisen). Darum fragen wir:
Was ist für wen wertvoll, wichtig und schön?
1. Gott
- sieht auf das Herz, will keine Ehrung nur mit den Lippen, kein „Geplärre der Lieder“ (Amos)
- freut sich an Schönheit, Ordnung, Struktur, Ästhetik (Stiftshütten, keine Hemdsärmeligkeit nach dem Motto
"Hauptsache Gebet und Herz ist gut, dann wird das schon“)
- freut sich am Treiben seiner Kinder (väterlicher Blick – Ps. 103; Jak.1 Vater des Lichts)
- fordert Einsatz und Entwicklung aller vorhandenen Talente und Möglichkeiten, will, das wir etwas aus uns und anderen
um uns machen (Gleichnis)
2. a. Gemeinde
- will im Gottesdienst Nähe Gottes spüren, „geistlich andocken“
- will auftanken: sowohl Power, Freude, Energie, Kraft, Kampfgeist und Schwung wie auch Ruhe, Frieden,
Geborgenheit, Wärme, Zuwendung, Entspannung
- hat unterschiedliche „musikalische Sozialisation“ erlebt und empfindet sehr verschieden, was musikalisch schön ist
und geistlich gut tut (exklusive fromme Musikwelten von Chormusik, Orgelmusik, Zeltlager-Wanderlieder Atmosphäre,
Marsch - ähnlichen Sieges- und Kreuzesliedern, endlosen Strophen theologischer Abwandlungen im deutsch des
18. Jahrhunderts und einer sperrigen Musik, die weder groove, noch einfache Melodieführung hat, seltsame
Synkopierungen, Sprache zwischen dreifach überzuckertem Kitsch und martialischen Kampfwelten. Hier muss man
manchmal vorsichtig „Entwöhnungsprozesse“ einleiten, damit neue Leute sich in der Gemeinde willkommen fühlen.
- will sowohl eine Pflege des geistlichen Erbes wie auch Aufbruch in Neues (Balance zwischen Schwerkraft– Dauer,
Beständigkeit; Regelmäßigkeit, Rhythmus gibt Sicherheit und Identität, und Fliehkraft - Veränderung, Neues,
Wandlung, Experimente, Frische etc bringen das Gefühl von Lebendigkeit, Vorwärtsgerichtetheit)
Am besten gemeinsam darüber sprechen.
- will singen und sich singen hören (Musik i. d Gemeinde muss einen angenehmen Rahmen für diese
Erfahrung schaffen)
- braucht Sensibilität (einem traurigen Herzen singe keine fröhlichen Lieder) wie auch Herausforderung (Lieder
der Proklamation, des Sieges, der Überwindung, kämpferisch)
- will sowohl Inhalt (wertvolle, reiche Gedanken, gut und logisch ausformuliert, breit gefächertem Sinnzusammenhang,
Lern- und Erinnerungserfahrung) wie Gefühl (Wärme, Freude, Leichtigkeit, Frieden, Erhabenheit, Kraft, Energie,
Liebe, manchmal einfache Songs mit Worten, die Signalcharakter haben „erheben, fließen, Heilung, Flut, Salbung,
Majestät ....“ aber isoliert etwas sonderbar klingen und in großer Konzentration Unmut hervorrufen bei Leuten, die
sich in reine Gefühlsduselei hineingezogen fühlen)
b. Gäste
- Wollen wissen, was passiert und auf sie zukommt (Angst vor unerwarteten, überwältigenden Aktionen, die ihnen
hinterher peinlich sein könnten) Hier helfen Überleitungen, Erklärungen, Moderation
- Bedürfnis nach Distanz einerseits (keine Vereinnahmung) und Zugang, Integration andererseits (Wir machen das
hier so, ist nicht jedermanns Sache, aber sie sind gerne eingeladen sich zu beteiligen)
- Kennen fromme Stichworte nicht, suchen Verbindung mit ihrer Sprache und Erfahrungswelt
- Wollen nicht zu lange etwas machen, was ihnen noch nichts bedeutet (Aufmerksamkeit).... Unterhaltung
(das Halten von Spannung und Aufmerksamkeit durch unterhaltsame Elemente (was interessiert, berührt,
begeistert etc...)
3. Wir selbst und unsere Musikerkollegen
- Du willst einen Platz und Dienst haben, in dem Du Deine Gabe, Dich und Deine Besonderheit einbringen kannst.
Das gilt für Dich und alle Mitwirkenden. Du willst wahrgenommen werden. Deine Person ist nicht egal. (Du betest
mehr und bereitest Dich besser vor, wenn Du selber dran bist). Du freust Dich über die Möglichkeit, einen „Auftritt“
zu haben. Du willst zeigen, was in Dir steckt und was Du zu geben hast. Du stellst Dich vielleicht selbst zurück und
ordnest, was Du hast, dem Ziel der Gemeinde und der Lobpreiszeit unter, bist aber nicht unbeteiligt. Du glaubst,
das Du etwas zu geben hast, das die Gruppe in ihrer Erfahrung des Gottesdienstes bereichert und willst es „an den
Mann bringen“. Du hast ein persönliches Eigeninteresse. Du ziehst auch einen Gewinn aus der Aktion: Spaß an der
Musik und dem Zusammenspiel mit einer Band, Freude an einem Auftritt vor Leuten, die Möglichkeit, Dein Talent
anhand eines Projektes oder einer Auftrittsreihe zu schärfen.
- Manchmal ist Lobpreisleitung im Einklang mit Gefühl und Lebensstand (ich lebe gerade in einer harmonischen
Phase) oder Bekenntnis- und Überwindungsakt (ich bin am Kämpfen, fühle mich unwürdig, will aber dahin,
richte mich mit der Gemeinde in diese Richtung aus. Ich diene und gebe, was ich habe, auch wenn ich zweifle
und lieber alleine für mich wäre).
Balance ist Teil der Schöpfung in der Ordnung der Planeten (Revolution und Rotation): Umkreisung der Sonne und Eigendrehung der Welt haben ihre Entsprechung in uns. Wir müssen uns ein und unterordnen in einen größeren Zusammenhang, in unserem Fall der Gemeinde, Gott, seinem Wort, seiner Leitung etc. Wir drehen uns um sie. Dann müssen wir aber auch unsere eigene Achse finden, uns um das drehen, was uns ausmacht, unser eigenes Profil finden, definieren, evtl abgrenzen und einen Markierungspunkt setzen (das bin ich, das ist mir wichtig, da will ich hin, obwohl ich mich gerne auch anderen Zielen und Bedürfnissen unterordne).
Einige Vorschläge, Wurzeln und Flügel gleichzeitig zu stärken:
Bleib in wertschätzender Verbindung mit Deiner Herkunft
- Finde die Wurzeln Deiner Gemeinde, Tradition, frage, was Leute aus ihrer Vergangenheit schätzen und warum,
versuche eine Verbindung zum heutigen Ansatz herzustellen
- Ehre die Wurzeln Deiner geistlichen Ausbildung (praktiziere im Verborgenen, was Du nicht mit anderen tun kannst,
warte, bis eine Gemeinde für Deine Sicht von Anbetung reif ist)
- Steh zu den Wurzeln Deiner Gesellschaft und Sprache (wehre Dich gegen kulturelle Überfremdung, Sprache ist
ein großer Träger von Wurzeln und Identität)
- Bleib in den Wurzeln der Nüchternheit. Sei verankert in einer realistischen Einschätzung der Lage (die Grenzen
der Menschen, einer Veranstaltung, einer musikalischen Darbietung, auch wenn sie auf Gott ausgerichtet ist)
Entwickle und stärke Deine Flügel
- Gebet (besonders Sprachengebet) lässt Power, Energie, Mut, Kraft und Momentum wachsen wie Diskuswerfer,
Hammerwerfer, die eine Weile um sich kreisen und aus diesem Schwung heraus ihre Leistung bringen – wir kreisen
um Gott - dadurch Vision, Glaube (Gott kann aus dem, was ich hier mitbringe an Talent, Kompetenz, etc. mehr
machen, Brot vermehren ...)
- Im künstlerischen Bereich (Erweiterung Deiner Fähigkeiten am Instrument, an der Stimme, im Hörvermögen,
nimm Unterricht, nimm Dir Zeit zum Üben, zum ausprobieren, fühlen und tasten, bis Du abhebst und die Luft unter
Dir und die Freiheit um Dich herum spürst)
„Ich bete, ... dass Ihr in Liebe gewurzelt und gegründet seid, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen völlig zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist“ (Eph. 3,17-18
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